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Der wahre Richard III. – wie Professor Michael Hofreiter die DNA des englischen Königs entschlüsselt

Das Skelett von Richard III. Foto: University of Leicester.

Nein, Richard III. hatte keinen Buckel. Lars Eidinger übertreibt. Wenn der Schauspieler in die Rolle des englischen Königs schlüpft und sich für seine Vorstellungen an der Berliner Schaubühne einen Buckel aufbindet, ist das reines Theater. Schon auf den ersten Blick suggeriert Eidinger so das Böse, das dem englischen König seit Jahrhunderten immer wieder angedichtet wird. Ob er tatsächlich diese skrupellose Bestie war, als die Shakespeare ihn einst in den dunkelsten Farben beschrieb, kann Prof. Michael Hofreiter nicht sagen. Wohl aber, dass dieser Buckel eine klare Überzeichnung ist. „Richard III. hatte aufgrund einer Skoliose lediglich eine schiefe Schulter. Er war auch nicht dunkelhaarig und dunkeläugig, wie oft dargestellt, sondern blond und blauäugig.“

Der Potsdamer Wissenschaftler kann es beweisen. Und nicht nur das. Er hat mit seiner 15-köpfigen Arbeitsgruppe das Skelett des Königs wissenschaftlich untersucht – und das verrät neben Alter, Augen- und Haarfarbe auch mögliche Herz-Kreislaufprobleme, ja selbst die Konsistenz des Ohrenschmalzes oder Laktoseverträglichkeit können nachgewiesen werden. Die akribisch isolierte und aufgereinigte DNA, die nun in den Labors auf dem Uni-Campus Golm nach und nach entschlüsselt wird, spricht eine unverfälschte Sprache: die des Erbguts des 1485 auf dem Schlachtfeld von Bosworth gefallenen obersten englischen Heerführers. In ihren Labors haben die Forscher kleine Proben königlicher Knochenteile und Zähne zermahlen, aufgelöst und schließlich das genetische Material herausgefiltert. Am Ende konnten sie mit fast hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass es sich bei dem Knochenfund um die Gebeine von Richard III. handelt.

Wie aber kamen die Proben der 2012 in der mittelenglischen Stadt Leicester gehobenen königlichen Überreste zur Universität Potsdam? Der leger gekleidete Professor in Jeans, T-Shirt und Biolatschen, der selbst vier Jahre in England gearbeitet hat, erzählt von der späten Bergung Richards. Eine lange Reihe kleiner Tierfiguren auf seinem Schreibtisch verrät, dass er seine zahlreichen früheren Projekte einem anderen Bereich gewidmet hat. Die Nachbildungen erinnern ihn an seine Forschungen über ausgestorbene Mammuts, Höhlenbären, Säbelzahntiger oder Wildpferde. Denn die eigentliche Liebe Hofreiters gehört der tierischen Artenvielfalt. „Ich halte mich gern von dem stark umkämpften Feld der Humangenetik fern, auch weil die Zahl der Kontaminationsquellen mit moderner DNA sehr groß ist.“ Doch als ihm dieser englische König dazwischenkam, machte der Forscher eine Ausnahme. Im Labor wird strengstens darauf geachtet, dass alles steril zugeht. Die Mitarbeiter bewegen sich zwischen Zentrifugen und Gefrierschränken nur mit Handschuhen, und die sensibelsten Bereiche dürfen ausschließlich durch eine Sicherheitsschleuse keimfrei betreten werden. Bis Jahresende will der aus Bayern stammende Professor für Allgemeine Zoologie und Evolutionäre adaptive Genomik das Projekt abschließen, um sich wieder ganz den ausgestorbenen Tieren zuwenden zu können.

Das Forschungsunternehmen Richard begann für Hofreiter 2012 mit einem Anruf der Genetikerin Turi King von der Universität Leicester. „Turi King hatte sich schon zuvor bei mir in alter DNA weiterbilden lassen wollen. Nun erzählte sie mir, dass die ‚Richard III. Society‘ nach den Gebeinen ihres verehrten Königs suche.“ Richard III. gehört zu den wenigen englischen Königen, deren Skelette als verschollen galten. Man wusste nur, dass er im Franziskanerkloster in Leicester beigesetzt worden war. Doch Heinrich VIII. hatte die meisten Klöster schleifen lassen, so auch dieses. Immerhin gab es alte Karten, die zu dem einstigen geistlichen Ort führten. Über die Klosterfundamente erstreckte sich inzwischen ein Parkplatz. Dort hob man am 25. August 2012 einen schmalen Graben aus und wurde bereits bei der ersten Erkundung fündig. „Das war schon verblüffend“, so Michael Hofreiter. Das freigelegte Skelett sei fast komplett gewesen. „Es fehlten nur die Füße.“ Schnell stellten Wissenschaftler das männliche Geschlecht und das Alter von Mitte 30 fest, und auch die Wunden stimmten mit den Überlieferungen zu Richard überein: Das Skelett wies insgesamt elf Verletzungen auf, davon neun am Kopf. Alles deutete auf Richard III. hin.

Aber das letzte Wort konnte nur die Genetik sprechen. Dazu mussten zuerst noch lebende Nachfahren gesucht werden. Die Ahnenforscher verfolgten zahlreiche Spuren, durchkämmten Kirchenbücher, Heiratsurkunden, Grundstückseintragungen, alte Zeitungen – und wurden schließlich fündig. Sie ermittelten zwei mütterliche und fünf väterliche Verwandte, die zum Teil gar nichts von ihrer adligen Herkunft wussten und bis nach Australien verstreut waren.

Richard III. selbst hatte keine lebenden Nachkommen: Seine ehelichen und unehelichen Nachfahren blieben kinderlos. Also setzten die Forscher bei der schwesterlichen bzw. der ur-ur-großväterlichen Linie an. „Es gibt zwei Regionen im menschlichen Genom, die fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das ist zum einen die mitochondriale DNA, aus den Mitochondrien, den Energiequellen in den Zellen. Diese Kraftwerke haben eigene Gene: von unseren drei Milliarden Bausteinen etwa 16.000. Sie werden über die Eizellen der Mutter weitergegeben“, erklärt Hofreiter. Die zweite Region seien die Y-Chromosomen: Diese Geschlechtschromosomen vererbt der Vater an den Sohn. Bei den sieben aufgespürten Nachfahren erwiesen sich die fünf aus der väterlichen Linie stammenden als nicht mit Richard III. verwandt. Mit anderen Worten: Seit dem gemeinsamen Vorfahren der fünf und Richard III., seinem Ur-Ur-Großvater Edward III., muss es mindestens in einer der Linien ein „Kuckuckskind“, also das Ergebnis einer außerehelichen Verbindung, gegeben haben. Die beiden Nachfahren aus der mütterlichen Linie erwiesen sich dagegen als „echt“. „Dort kommt es natürlich auch seltener zu Kuckuckskindern“, erklärt Hofreiter, „höchstens wenn man Babys vertauscht.“ Die Wissenschaftler hatten großes Glück. Sie verfügen inzwischen über die technischen Möglichkeiten, jahrhundertealte DNA zu entschlüsseln, und „öffneten“ genau im richtigen Moment das richtige Zeitfenster. „In wenigen Jahrzehnten wird die Linie Richard III. erloschen sein. Die beiden Nachfahren aus mütterlicher Linie haben keinen Nachwuchs.“

Am 4. Februar 2013 wurde die eindeutige Identifizierung der Gebeine Richard III. in Leicester auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Im Dezember 2014 folgte die Publikation mit den genetischen Fakten, an der – unter der Federführung von Turi King und Michael Hofreiter – insgesamt 18 Autoren beteiligt waren. Gern hätten sie bis zur Neubestattung der Gebeine Richard III. während einer einwöchigen Zeremonie Ende März 2015 in Leicester das ganze Projekt abgeschlossen. „Das haben wir leider nicht geschafft. Aber bis Jahresende möchten wir das komplette Genom analysiert haben – also auch mögliche genetische Defekte“, so Michael Hofreiter. 50.000 Euro sind dafür veranschlagt. „Inzwischen ist die Forschung so weit, dass sich die Kosten solcher Bestimmungen stark reduzieren lassen. Das erste Genom, das aus Fossil genommen wurde, das Neandertaler-Genom, hatte noch ein Budget von fünf Millionen Euro. Das Gleiche können wir heute, nur fünf Jahre später, für 10.000 Euro erledigen. Da wir aber die Qualität wesentlich verbessern wollen, muss man für Richard III. schon rund 50.000 Euro aufwenden, um ein hochwertiges Genom mit allen möglichen Antworten zu bekommen.“

Das Knochenmehl ist inzwischen weitgehend aufgebraucht. Den Rest gaben die Wissenschaftler nach Leicester zurück, wo es mit den Gebeinen Richards III. beigesetzt wurde. Michael Hofreiter konnte bei den Feierlichkeiten nicht dabei sein. Aus Zeitgründen. Gern würde er sich auch Richard III. an der Schaubühne ansehen – trotz wissenschaftlicher Ungenauigkeit. „Doch auch Theater oder Kino sind aktuell abgeschrieben.“ Ebenso wie das Wave Gothic Treffen zu Pfingsten in Leipzig, auf das er dieses Jahr verzichten musste. Fühlt sich Michael Hofreiter auch in der Freizeit zur Vergänglichkeit hingezogen? „Nein“, sagt er fröhlich. Er genieße einfach die Musik und die tolle Atmosphäre in der Stadt, in der er zehn Jahre lang alte DNA erforscht hat. Damals noch im Labor. Heute ist er mit dem Schreiben von Manuskripten und dem Einwerben finanzieller Mittel ausgelastet. Sein Arbeitsplatz ist jetzt der Computer.

Als Genom, auch Erbgut eines Lebewesens oder eines Virus, bezeichnet man die Gesamtheit der materiellen Träger der vererbbaren Informationen einer Zelle bzw. eines Viruspartikels: Chromosomen, Desoxyribonukleinsäure (DNA) bzw. Ribonukleinsäure (RNA) bei RNA-Viren, bei denen RNA anstelle von DNA als Informationsträger dient. Im abstrakten Sinn versteht man darunter auch die Gesamtheit der vererbbaren Informationen. Dank der rasanten Entwicklung moderner Untersuchungsverfahren konnten insbesondere in den letzten Jahren große Fortschritte auf dem Gebiet der Genomanalyse gemacht werden. Eine Schätzung ergab, dass etwa 20.000 Wissenschaftler weltweit allein an der Aufklärung des Genoms des Menschen arbeiten.

Der Wissenschaftler

Michael Hofreiter studierte Biologie in München, promovierte 2002 an der Universität Leipzig und arbeitete bis 2010 am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Bis 2013 war der Wissenschaftler als Professor für Evolutionsbiologie und Ökologie an der Universität York tätig. Seit 2013 ist er Professor für Allgemeine Zoologie/Evolutionäre adaptive Genomik an der Universität Potsdam.

Kontakt

Universität Potsdam
Institut für Biochemie und Biologie
Karl-Liebknecht-Str. 24–25
14476 Potsdam
E-Mail: michael.hofreiter@uni-potsdam.nomorespam.de

Text: Heidi Jäger
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

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