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Ernährung: Was uns gesund hält

Der renommierte Harvard-Epidemiologe Walter Willett erläuterte gestern an der UZH im Rahmen eines Ehrenvortrags einige seiner bahnbrechenden Ernährungsstudien. Mit den langjährigen Untersuchungen hat er viel zum aktuellen Wissen beigetragen, zum Beispiel dass Obst und Gemüse vor Herzinfarkt schützen, aber nicht vor Tumoren. 

KommentarKommentare

Stefan Stöcklin

Walter Willett

Es
gibt wohl kaum einen geeigneteren Wissenschaftler als Walter Willett, um die
Fakten einer gesunden Ernährung zu erläutern. Der schlaksige Amerikaner,
Professor für Epidemiologie und Ernährung an der Harvard-Universität in
Cambridge (USA), ist Autor unzähliger Artikel und hat schon viele Risiken
entdeckt und falsche Mythen entlarvt. Gestern Donnerstag konnte Rektor Michael
Hengartner den berühmten Ernährungsspezialisten in der Aula der Universität
begrüssen. «Gerne hören wir, was wir für ein langes und gesundes Leben tun
müssen», sagte der Rektor und verwies auf die umfangreiche Publikationsliste
und mehrere Bücher, die Willett veröffentlicht hat.

Wunschdenken
von Fakten unterscheiden

Willetts
Ruf basiert auf grossen Kohortenstudien, die in den 1970er Jahren starteten.
Bereits 1976 initiierte er zusammen mit Frank Speizer die «Nurses Health
Study», die 123’000 Krankenschwestern umfasste. 1986 kam die «Health Professional
Study» mit 52’000 Männern und 1989 eine zweite Nurse Study mit jüngeren Frauen
dazu. Insgesamt wollen die Teams um Willett über 300’000 Leute unter die Lupe nehmen.
Die Teilnehmenden werden regelmässig befragt und medizinisch betreut. Dank diesen
jahrelangen Längsschnittstudien stossen die Forscher immer wieder auf neue
Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit und können Wunschdenken von
Fakten unterscheiden.

In
seiner «Honorary Lecture» präsentierte der Epidemiologe einige seiner
Ergebnisse aus der Vergangenheit. So die Entlarvung von Transfetten als wichtiger
Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Oder den Freispruch von Fetten als
Kofaktor für Brustkrebs, wogegen sich Alkoholkonsum als Risikofaktor für diesen
Krebs herausstellte. «Diese Befunde verursachten einige Kontroversen», sagte
Willett, immer betont sachlich und ruhig sprechend.

Plädoyer
für langfristige Studien

Manche
Ergebnisse provozierten harte Diskussionen mit Ämtern und Interessengruppen.
Besonders hoch gingen die Wogen, als die Daten aus den Kohortenstudien am
gesundheitsfördernden Image von Gemüse rüttelten. «Es gab einen starken
Glauben, dass der Genuss von Früchten und Gemüse eine vorbeugende Wirkung für
Krebs habe», sagte Willett. Die Studien widerlegten diese Vorstellung und
zeigten, dass dies Wunschdenken war. «Wir fanden nur marginale Effekte», so der
Ernährungsspezialist. Trotzdem sei es gesund, Obst und Gemüse statt Fleisch zu
essen, hielt Walter Willett fest. Diese Lebensmittel senkten das Risiko
für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Im Weiteren sei bewiesen, dass
Heidelbeeren, Zwetschgen und Äpfel das Risiko für Diabetes-Typ-2 reduzierten.
Und dass tierisches Fett in rotem Fleisch das Risiko für Darmkrebs
erhöhe.

Ernährung
im Kindes- und Jugendalter und die Folgen

«Es
geht um komplexe Zusammenhänge, die man nur finden kann, wenn man langjährige
Studien durchführt», so der Epidemiologe. Zur Verdeutlichung erläuterte Willett
das Beispiel des Milchkonsums bei Teenagern, die während Jahrzehnten
epidemiologisch erfasst wurden. Spätere Untersuchungen brachten an den Tag,
dass ein hoher Milchkonsum im jugendlichen Alter das Risiko für Hüftfrakturen bei
älteren Männern erhöht, aber nicht bei Frauen. Über die Gründe gäbe es nur vage
Hypothesen, so der Epidemiologe, der das Ergebnis zu einer grundlegenden These
verallgemeinerte: «Wir müssen uns gründlich überlegen, wie wir unsere Teenager
ernähren, denn die Ernährung hat später im Leben gesundheitliche Folgen.» So
hängen laut dem Epidemiologen manche Krebsrisiken möglicherweise mit der
Ernährung im Kindesalter zusammen.

Die
Komplexität der Zusammenhänge zwischen Nahrung und Gesundheit scheint endlos.
Trotzdem liess es sich der Forscher nicht nehmen, die globale Lage in einem
einfachen Diagramm darzustellen: Zeichnet man das Körpergewicht
(Body-Mass-Index), das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und den
Zuckerkonsum (Glykämischer Index) auf, ergibt sich ein klares Bild:
Übergewichtige Menschen mit hohem Zuckerkonsum haben das grösste Risiko für
Herzkrankheiten, schlanke Zuckermeider das kleinste. «Das Diagramm zeigt in
etwa, was auf der Welt passiert», sagte Willett mit seinem trockenen Humor. Und
kritisierte an dieser Stelle die stark gesüssten Soft-Drinks.

Wenig,
dafür guten Wein trinken

Wer
also seine Risiken bezüglich Herzerkrankungen senken will, dem empfiehlt der
Ernährungsexperte folgendes: Rauchverzicht, moderates Gewicht (BMI unter 25
kg/m2), Bewegung (mindestens eine halbe Stunde täglich), gesundes Essen (wenig
Transfette, wenig Zucker, viel Fasern und Fisch). Und moderaten Alkoholkonsum.
«Am besten kaufen sie sich einen sehr teuren Wein und trinken sehr wenig
davon», sagte Willett.

In
der anschliessenden Podiumsdiskussion unterhielten sich unter der Leitung von
Daniel Wyler, ehemaliger Prorektor der UZH, der Rektor Michael Hengartner und Walter
Willett mit den Universitätsspitaldirektoren Werner Kübler (Basel) und Gregor
Zünd (Zürich) sowie der Infektiologin Annelies Zinkernagel von der UZH. Thema
war, wie sich die klinische Arbeit im Spital mit der Forschung unter einen Hut
bringen lässt. Denn Willetts Vortrag machte deutlich, wie wichtig die enge
Verzahnung ist. Auf dem Podium war man sich denn auch schnell einig, dass die
klinische Forschung und Epidemiologie gestärkt werden muss. Das bedinge eine
gute Zusammenarbeit von Kliniken und Universität. Oder wie Walter Willett
sagte: «Man sollte das Beste der beiden Welten kombinieren.»

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und UZH Journal.

found for you by the Independence News Desk at
http://www.uzh.ch/news/articles/2015/was-uns-gesund-haelt.html


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