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swissuniversities: «Wir wollen klare Profile, keinen Einheitsbrei»

Rektor Michael Hengartner wurde gestern zum neuen Präsidenten von swissuniversities gewählt, der gemeinsamen Rektorenkonferenz der universitären Hochschulen, der Fachhochschulen und der Pädagogischen Hochschulen. Im Interview erklärt er, was ihn dazu motiviert, das Amt zu übernehmen. 

KommentarKommentare

Interview: David Werner

Hengartner

Herr
Hengartner, herzliche Gratulation zu Ihrer Wahl zum Präsidenten von swissuniversities!
Was hat Sie dazu bewogen, sich für das
Amt zur Verfügung zu stellen?

Michael
Hengartner:
swissuniversities ist eine junge Organisation
mit sehr grossem Potential. Zur Zeit befindet sie sich in der Aufbauphase. Wir
müssen intern noch herausfinden, wie wir am besten zusammenarbeiten, und viele
Prozesse müssen erst noch etabliert werden. Das interessiert mich. Dinge in die
Gänge zu bringen ist meine Stärke, und es interessiert mich auch mehr als das
Bewahren des Status quo.

Anfang 2015 hat die
gemeinsame Rektorenkonferenz der

universitären
Hochschulen, der Fachhochschulen und der Pädagogischen Hochschulen

erstmals getagt.
Was ist, auf eine kurze Formel gebracht, die Funktion
von swissuniversities?

Michael
Hengartner:
swissuniversities hat zwei Hauptfunktionen: Erstens koordiniert sie die
Zusammenarbeit der schweizerischen Hochschulen, und zweitens bildet sie ein
Scharnier zur Politik, indem sie die Interessen der Hochschulen auf nationaler
und auch internationaler Ebene vertritt. Ich halte es für sehr wichtig, dass
wir diese politische Mitverantwortung wahrnehmen, denn für die gegenwärtige und
zukünftige Situation der Schweiz spielen die Hochschulen eine entscheidende
Rolle.

Welche Geschäfte stehen
für Sie in den kommenden Monaten ganz oben auf der Agenda der Hochschulrektorenkonferenz?

Michael
Hengartner:
Es gibt drei besonders drängende Themen: Erstens muss sichergestellt
werden, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Schweiz weiterhin
am EU-Forschungsförderungsprogramm Horizon 2020 teilnehmen können. Die Zeit, die
noch bleibt, dafür eine Lösung zu finden, ist knapp: Die provisorische
Teilassoziierung am Programm, welche die EU der Schweiz nach der Annahme der
Masseneinwanderungsinitiative zugestanden hat, dauert nur bis Ende 2016.

Zweitens wird uns die Hochschulfinanzierung stark beschäftigen, denn die
Phase der relativ gut gefüllten Staatskassen scheint vorerst vorüber zu sein.

Drittens müssen wir in der bisher kontrovers diskutierten Frage nach dem
Promotionsmöglichkeiten von Angehörigen der Fachhochschulen und Pädagogischen
Hochschulen weiterkommen. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam eine gute Lösung
finden, wie wir dem Wunsch der Fachhochschulen und der Pädagogischen
Hochschulen, Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler für den eigenen
Bedarf auszubilden, Rechnung tragen können.

Bis Ende 2014 hatte jeder
Hochschultyp seine eigene Rektorenkonferenz, die Universitäten zum Beispiel
waren in der CRUS organisiert. Was sind die Vorteile beziehungsweise die
Nachteile der neuen Struktur gegenüber der alten?

Michael
Hengartner:
Die Plenarversammlung
von swissuniversities ist mit über 30 Mitgliedern etwa dreimal so gross wie die
CRUS, und sie ist viel heterogener zusammengesetzt. Die Entscheidungsfindung
wird so natürlich anspruchsvoller. Der Vorteil ist, dass die Hochschulen nun
viel einfacher mit einer Stimme
sprechen können. So können sie ihren Anliegen in der Politik und der Gesellschaft
mehr Nachdruck verleihen. Dies natürlich nur, wenn wir geschlossen auftreten.
Das wird uns auf Anhieb nicht immer gelingen. Wir müssen erst noch herausfinden,
wie wir intern am besten zusammenarbeiten, um zu gemeinsamen Positionen zu kommen.
Da steht uns ein interessanter Lernprozess bevor.

Wie sehen Sie Ihre Rolle
als Präsident von swissuniversities? 

Michael
Hengartner:
Ich sehe mich als Koordinator und Vermittler. Bei Konflikten wird es
meine Aufgabe sein, streitende Parteien an einen Tisch zu bringen. Zudem ist es
meine Aufgabe, der Politik und der Gesellschaft gegenüber die Position der
Hochschulen mit guten Argumenten zu erklären.  

Wie stark werden Sie sich als
Präsident der swissuniversities für die spezifischen Interessen der
Universitäten einsetzen?

Michael
Hengartner:
Der Vorsitzende einer Organisation muss immer das Ganze im Blick haben. Ich
werde meine Interessen als UZH-Vertreter zugunsten einer unparteiischen, ausgleichenden
Haltung zurückstellen müssen. Aber das lässt sich verschmerzen: Die neun
anderen Universitätsrektorinnen und -rektoren sowie die Präsidenten der beiden
ETHs werden die Anliegen der universitären Hochschulen bei swissuniversities
gut vertreten.

Innerhalb von swissuniversities
gibt es auch eine Universitätskammer. Welches ist dort Ihre Rolle?

Michael
Hengartner:
In der Universitätskammer werde ich als gewöhnliches Mitglied unbelastet
von meiner Präsidentenfunktion die Sichtweise der UZH einbringen können.

Wie gross sind die
Differenzen zwischen universitären Hochschulen, Fachhochschulen und
Pädagogischen Hochschulen, und wie gross sind die Gemeinsamkeiten? 

Michael
Hengartner:
Eine Gemeinsamkeit ist, dass wir grossen Wert auf Unterschiede legen. Unser
Grundsatz lautet, dass universitäre Hochschulen, Fachhochschulen und
Pädagogische Hochschulen erstens gleichwertig, zweitens aber auch andersartig
sind. Indem wir den spezifischen Profilen der drei Hochschultypen Sorge tragen,
erhalten und fördern wir auf der Tertiärstufe die Diversität und
Komplementarität der Bildungsangebote, die eine der grossen Stärken des
Schweizer Bildungssystems darstellt. Die Angebotsvielfalt kommt nicht nur den individuell
verschiedenen Begabungen und Interessen der Studierenden entgegen, sondern ist
auch eine adäquate Antwort auf die Nachfrage nach unterschiedlich ausgebildeten
Berufsleuten auf dem Arbeitsmarkt.

Könnte es zu einer
Verwässerung der Profile kommen, wenn die drei Hochschultypen im Rahmen von swissuniversities
enger zusammenarbeiten?

Michael
Hengartner:
Zu einer Verwässerung kommt es, wenn alle Hochschultypen anfangen, ihren
Studierenden dasselbe anzubieten. Diese Gefahr besteht zwar, aber sie wird
sicher nicht grösser, sondern eher kleiner, wenn die Hochschulen im Rahmen von swissuniversities
zusammenarbeiten und sich besser koordinieren.

Wie kann man die Profile der
Hochschulen stärken?

Michael
Hengartner:
Indem sie sich strikt an dem im neuen Hochschulförderungs- und
-Koordinationsgesetz festgehaltenen
Grundsatz orientieren, dass die Hochschultypen gleichwertig, aber andersartig sind.
Jeder Hochschultyp nimmt eine besondere Funktion im Gesamtgefüge der tertiären
Bildungsstufe wahr – und sollte sein Studienangebot an dieser Funktion
ausrichten.

Die drei Hochschultypen stehen in einem komplementären, nicht in einem
hierarchischen Verhältnis zueinander. Sie können untereinander also nicht
gerankt werden, sondern orientieren sich an je eigenen Massstäben. Fachhochschulen
sind keine «zweitrangigen» Universitäten, sondern vollwertige und international
anerkannte Hochschulen eigener Art mit spezifischen Qualitäten. Wir streben im
Hochschulraum Schweiz erstklassige Fachhochschulen, erstklassige Pädagogische
Hochschulen und erstklassige Universitäten an.

Die spezifische Funktion
der Pädagogischen Hochschulen leuchtet unmittelbar ein, sie dienen der
Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Was aber macht im Kern den Unterschied
zwischen den Fachhochschulen und Universitäten aus?

Michael
Hengartner:
Die wesentlichen Unterschiede lassen sich allesamt aus dem dualen
Berufsbildungssystem der Schweiz herleiten. Der Zugang zu Fachhochschulen erfolgt
normalerweise über einen Lehrabschluss, der Zugang zu den Universitäten dagegen
meist über eine gymnasiale Matura. Die FH-Studierenden bringen also andere,
stärker praktisch gelagerte Erfahrungen mit als Universitäts-Studierende. Entsprechend
praxisbezogener sind die Studiengänge an den Fachhochschulen.

Wie steht es in der
Forschung: Sollten Fachhochschulen nur anwendungsorientierte Forschung und die
und Universitäten nur Grundlagenforschung betreiben?

Michael
Hengartner:
Nein, das wäre dogmatisch und realitätsfremd. Tendenziell ist die
Forschung an Fachhochschulen zwar eher anwendungsorientiert und an den
universitären Hochschulen eher grundlagenorientiert, aber daran sollte man die
Unterscheidung der Hochschultypen nicht festmachen. An den Universitäten wurde
immer auch anwendungsorientiert geforscht, denken Sie etwa an die Ingenieurwissenschaften
oder an die klinische Forschung in der Medizin, in der es darum geht, neue
Medikamente zu testen und neue Therapien zu entwickeln. Wie hoch die Qualität der angewandten Forschung an der UZH ist, zeigt sich zum Beispiel an der hohen Zahl der Patentanmeldungen und an die vielen Startups, die von unseren Forschenden bisher gegründet wurden. Entsprechend ist auch für die universitären Hochschulen die praxisnahe Innovations-Förderung der KTI hoch interessant.

Umgekehrt finde ich es sinnvoll und wettbewerbsfördernd, wenn auch die
Fachhochschulen und die Pädagogischen Hochschulen Fördergelder vom SNF für
Projekte in der Grundlagenforschung beantragen. Ich bin für eine pragmatischere
Haltung in der Forschungsfinanzierung. Damit fügen wir den Profilen der
verschiedenen Hochschultypen keinen Schaden zu.

Sind Sie der Meinung, dass
die Durchlässigkeit zwischen den Hochschulen erhöht werden sollte?

Michael
Hengartner:
Die heutigen Übertrittsregelungen sind teilweise undurchsichtig und uneinheitlich.
Es ist völlig unbestritten, dass wir sie transparenter gestalten müssen. Klar
ist aber auch, dass Übertritte auch in Zukunft mit Auflagen verbunden sein
müssen. Wer von der Universität an eine Fachhochschule wechseln will, muss
Praxiserfahrungen nachholen, umgekehrt muss akademisches Wissen nachholen, wer
an einen universitären Studiengang wechselt. Die Studienvoraussetzungen der
drei Hochschultypen müssen unterschiedlich bleiben, sonst haben wir am Ende statt
klarer Profile jenen Einheitsbrei, den wir vermeiden wollten.

Es geht also darum, dass
die Hochschulen enger zusammenarbeiten, ohne sich anzugleichen?

Michael
Hengartner:
Genau. Dazu gehört übrigens auch, dass man Studiengänge an den
verschiedenen Hochschultypen, die sich inhaltlich ergänzen – wie etwa das Medizin-
und das Pflegestudium – , stärker in Bezug zueinander setzt.
Studienabsolventinnen und -absolventen müssen imstande sein, im Berufsleben mit
Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, die eine andere Bildungsbiografie
haben als sie selbst. Um beim Beispiel zu bleiben: Ärztinnen und Ärzte werden
mit grosser Wahrscheinlichkeit eng mit Pflegefachleuten zusammenarbeiten. Sie
sollten darauf schon im Studium vorbereitet werden – dafür müssen die
verschiedenen Hochschulen gemeinsam sorgen.

David Werner, Leiter Publishing

found for you by the Independence News Desk at
http://www.uzh.ch/news/articles/2015/swissuniversities.html


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